Begriff und Form
Varieté – Bedeutung, Geschichte und die Disziplinen auf der Bühne
Was ist Varieté? Eine der wenigen Bühnenformen, die sich nicht über ihren Inhalt definiert, sondern über ihre Bauweise. Ein Abend besteht aus abgeschlossenen Nummern, die nebeneinander stehen statt auseinander hervorzugehen. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum ein Varieté Abend anders wirkt als ein Theaterstück, obwohl beide im selben Raum stattfinden könnten.
Die Bedeutung des Wortes Varieté
Varieté Bedeutung: Vielfalt. Das Wort ist im 19. Jahrhundert aus dem französischen variété entlehnt und war zunächst eine schlichte Beschreibung des Angebots. Ein Haus zeigte nicht ein Stück, sondern vieles: Akrobatik, Gesang, Tierdressur, Tanz, Zauberei, Komik. Der Name benannte genau das, was das Publikum kaufte, nämlich Abwechslung in einer Zeit, in der eine Abendunterhaltung sonst aus genau einer Sache bestand.
Varieté Definition: eine Bühnenform, die eigenständige artistische, komische und musikalische Nummern ohne durchgehende Handlung zu einem Abend reiht. Diese Bestimmung ist enger als sie klingt, denn sie schließt zwei Dinge aus. Sie schließt die Nummernfolge mit durchlaufender Geschichte aus, das wäre Revue. Und sie schließt die Darbietung in der Rundmanege aus, das wäre Zirkus.
Die deutsche Schreibung schwankt bis heute. In den Namen der Häuser steht fast immer die Form mit Akzent, im Suchverhalten überwiegt die ohne. Wer Varieté Bedeutung oder Varieté Definition nachschlägt, sucht in aller Regel genau diese Abgrenzung: was gehört dazu, was nicht.
Kein Musical, weil keine Handlung getragen wird. Kein Zirkus, weil frontal gespielt wird. Kein Kabarett, weil das Mittel der Körper ist und nicht das Argument. Und kein Konzert, auch wenn eine Hausband spielt.
Die Geschichte des Varietés
Die Form entstand aus den Vergnügungslokalen der wachsenden Industriestädte. In Paris führten Cafés-concerts ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Nummern zwischen den Tischen vor, in London taten das die Music Halls, und in Berlin öffnete 1887 der Wintergarten im Zentralhotel an der Friedrichstraße. Der Berliner Wintergarten ist der Punkt, an dem die Geschichte in Deutschland üblicherweise beginnt, weil dort zum ersten Mal ein eigenes, großes Haus ausschließlich für diese Form gebaut und bespielt wurde.
Die Blütezeit lag zwischen der Jahrhundertwende und den späten zwanziger Jahren. Was danach kam, hat die Form zweimal fast beendet: erst die politische Gleichschaltung und der Krieg, dann das Fernsehen. Die Samstagabendshow übernahm ab den sechziger Jahren die Funktion, die das Varieté innehatte, nämlich Abwechslung ins Wohnzimmer zu liefern, und sie tat es billiger. Die meisten Häuser schlossen.
Die Wiederbelebung ab den achtziger Jahren ging von Einzelunternehmern aus, nicht von Institutionen. Der Tigerpalast in Frankfurt öffnete im Herbst 1988, das GOP in Hannover baute den Georgspalast zum Stammhaus einer Gruppe aus, in Leipzig nahm der Krystallpalast den Namen des 1882 eröffneten Vorgängerbaus wieder auf. Diese Geschichte ist deshalb bemerkenswert, weil sie ohne öffentliche Förderung verlief: Varieté ist in Deutschland bis heute überwiegend privatwirtschaftlich, anders als Stadt- und Staatstheater.
Die Disziplinen einer Nummernrevue
Ein Abend wird aus wenigen Disziplinen gebaut, die sich in Körperhaltung, Risiko und Tempo unterscheiden. Die Dramaturgie besteht darin, sie so zu ordnen, dass keine zwei verwandten Nummern aufeinanderfolgen.
| Disziplin | Was sie zeigt | Stellung im Abend |
|---|---|---|
| Luftakrobatik | Trapez, Vertikaltuch, Hoop, Strapaten | Höhepunkt, meist vor der Pause oder am Schluss |
| Handstand und Äquilibristik | Balance auf Block, Stock oder Partner | Ruhepunkt mit hoher Spannung |
| Jonglage | Bälle, Keulen, Ringe, Hüte, Diabolo | Früh im Abend, setzt das Tempo |
| Komik und Clownerie | Körperkomik, Publikumsarbeit | Zwischen zwei Kraftnummern, senkt den Puls |
| Magie | Manipulation, Illusion, Mentalismus | Flexibel, oft als Auftakt |
| Musik | Hausband, Gesang, Instrumentalnummer | Trägt die Umbauten |
Die Reihenfolge ist keine Geschmacksfrage. Zwei Luftnummern hintereinander lassen die zweite kleiner wirken, obwohl sie schwerer ist, weil das Auge sich an die Höhe gewöhnt hat. Deshalb liegt zwischen ihnen fast immer eine Nummer am Boden. Wer einmal darauf achtet, sieht die Bauweise eines Abends nach der dritten Nummer.
Der Länge nach ist eine Nummer bemerkenswert kurz. Sechs bis neun Minuten sind üblich, und das ist kein Zufall: eine artistische Steigerung lässt sich nicht beliebig dehnen, weil die körperliche Belastung mit der Dauer steigt und die Aufmerksamkeit fällt. Die Disziplinen unterscheiden sich in fast allem, in dieser Länge kaum.
Wo Varieté heute gespielt wird
Der Bestand ist überschaubar und ungleich verteilt. Feste Häuser stehen fast nur in Großstädten, das Ruhrgebiet und Berlin sind am dichtesten versorgt, der Süden am dünnsten. Wer Namen sucht: das Tigerpalast Varieté in Frankfurt zeigt zwei Revuen pro Spielzeit, der Wintergarten in Berlin spielt ganzjährig, und das GOP betreibt sieben Häuser zwischen Bremen und München. Die vollständige Aufstellung steht in der Liste der Häuser nach Stadt.
Daneben existiert eine zweite, bewegliche Schicht: die Spiegelzelte, die im Jahreslauf den Standort wechseln, und die Dinner-Shows, die dieselben Nummern in eine Bewirtung einbetten. Beide werden oft als Varieté vermarktet und sind es der Form nach auch, nur ohne festes Haus.