Zum Inhalt springen
pegasusVarieté

Angrenzende Form

Interaktives Theater in Deutschland erleben und selbst mitmachen

Interaktives Theater verschiebt die Grenze zwischen Bühne und Saal. Wie weit es sie verschiebt, ist von Produktion zu Produktion sehr verschieden, und genau darin liegt der Unterschied zwischen einem guten und einem anstrengenden Abend.

Das Publikum als Teil der Aufführung

Der Begriff deckt mindestens drei Dinge ab, die wenig miteinander zu tun haben. In der mildesten Form wird das Publikum befragt und antwortet vom Platz aus. In der mittleren trifft es Entscheidungen, die den Verlauf tatsächlich verzweigen. In der stärksten bewegt es sich frei durch einen bespielten Raum und folgt selbst gewählten Figuren, sodass niemand denselben Abend sieht.

Wer eine Karte kauft, sollte wissen, welche der drei Formen gemeint ist. Die Ankündigungen benutzen dasselbe Wort für alle drei.

Wie weit der Einfluss des Publikums wirklich reicht

Meist weniger weit, als es wirkt. Auch eine verzweigte Produktion hat eine begrenzte Zahl von Verläufen, weil jeder geprobt sein muss. Das ist kein Vorwurf: eine echte Improvisation über zwei Stunden wäre unzumutbar für alle Beteiligten. Der Reiz liegt in der Wahrnehmung von Einfluss, und die entsteht schon bei wenigen echten Weichen.

Der Unterschied zum Varieté

Im Varieté ist die Beteiligung des Publikums ein Mittel innerhalb einer Nummer, meist in der Komik oder Magie, und sie ist eng begrenzt. Im interaktiven Theater ist sie die Bauform des ganzen Abends. Ein Varietéabend funktioniert vollständig, wenn niemand mitmacht; eine interaktive Produktion nicht.

Räumlich gilt dasselbe umgekehrt. Varieté braucht die frontale Bühne, damit die Nummern aus der vorgesehenen Richtung gesehen werden. Interaktive Formate lösen diese Richtung bewusst auf und spielen in Hallen, Wohnungen, Gewölben oder Zelten, in denen es keine beste Sicht gibt.

Was der Raum mit dem Publikum macht

Die stärkste Wirkung geht selten von der Handlung aus, sondern vom Raum. Sobald das Publikum steht statt sitzt, ändert sich sein Verhalten: es verteilt sich ungleich, es bildet Gruppen, und einzelne Zuschauer übernehmen unbewusst die Rolle des Vorangehenden, dem die anderen folgen. Produktionen, die das einkalkulieren, führen mit wenigen Mitteln durch den Abend. Produktionen, die es nicht tun, verlieren die Hälfte des Publikums im ersten Raum.

Das ist auch der Grund, warum sich das Format schlecht in ein bestehendes Theater einbauen lässt. Ein Zuschauerraum mit festen Reihen arbeitet gegen jede Bewegung. Die meisten interessanten Arbeiten entstehen deshalb in leerstehenden Gebäuden, in Kellern, Fabrikhallen oder Wohnungen, und sie sind entsprechend kurzlebig.

Wo sich solche Produktionen finden

Nicht in den festen Varietéhäusern, sondern bei freien Gruppen, in der Off-Szene und bei Festivals. Weil kaum eine dieser Produktionen dauerhaft an einem Ort läuft, ist der Weg über die Gruppe verlässlicher als über die Spielstätte. Das ist dieselbe Suchlogik, die auch bei den Spiegelzelten gilt.

Häufig gefragt

Muss man beim interaktiven Theater mitspielen?

Nein. Seriöse Produktionen arbeiten mit Freiwilligen und holen niemanden gegen seinen Willen auf die Bühne. Wer nicht möchte, sitzt und schaut; das ändert am Abend nichts.

Was unterscheidet interaktives Theater vom Improvisationstheater?

Beim Improtheater improvisiert das Ensemble, oft nach Zurufen aus dem Publikum, aber die Bühne bleibt die Bühne. Beim interaktiven Theater verschiebt sich die Grenze: das Publikum trifft Entscheidungen, die den weiteren Verlauf festlegen, oder bewegt sich im Spielraum.

Woran erkennt man vorher, wie stark man einbezogen wird?

An zwei Wörtern in der Ankündigung. Steht dort immersiv oder begehbar, bewegt sich das Publikum durch den Raum. Steht dort partizipativ oder mitbestimmen, wird abgestimmt oder entschieden, meist vom Platz aus. Fehlt beides und steht nur interaktiv, hilft nur die Nachfrage beim Veranstalter.

Ist das etwas für Kinder?

Es gibt eigene Formate für Kinder, die oft besser funktionieren als für Erwachsene, weil Kinder die Einladung zum Mitmachen ohne Zögern annehmen. Abendproduktionen für Erwachsene sind dagegen selten familientauglich.